Schöne affaire ! Französische Weine und deutsches Gebäck

Anja Schröder, Planet Wein @ FM Rohm

Anja Schröder, Planet Wein @ FM Rohm

Gekonnt mit leisem Pfft öffnet Anja Schröder eine Flasche Taittinger Nocturne. Der Champagner aus Reims verströmt ein süßlich-fruchtiges Aroma von reifen Aprikosen. „Die Süße, im Fachjargon Dosage genannt, kommt von 20 Gramm Rohrzucker“, erklärt Anja Schröder. Im Mund macht sich eine dezent-zuckrige Feinperligkeit breit. Seit fast zehn Jahren betreibt die 38-Jährige den Fachhandel Planet Wein am Berliner Gendarmenmarkt. Über 500 Positionen sind bei ihr erhältlich, allein 200 davon stammen aus Frankreich.
Zur Adventszeit hat sich die Weinkennerin Gedanken gemacht, welche Kreszen unseres Nachbarlandes wohl zu deutschen Adventsleckereien passen. Vor ihr verbreiten auf mehreren Tellern traditionelle Adventszeit- und Weihnachtsgebäcke ihre appetitanregende Düfte. Butterstollen, Lebkuchen, Printen, Marmelade-gefüllte Vollmilchherzen, dunkle Dominosteine, Marzipankartoffeln, gebrannte Mandeln und Spekulatius. Der restsüße Champagner harmoniert am besten mit Marzipan und Stollen, den die gebürtige Mecklenburgerin beharrlich Stolle nennt. Ob der Champagner auch zum Spekulatius passt? „Nein, da schmecken die Gewürze zu stark vor“, entscheidet die Weinkennerin.
Als nächstes kommt ein tiefroter, fast schwärzlicher 2012er Belleruche von Michael Chapoutier ins Glas. Die Cuvée aus 60 Prozent Grenache und 40 Prozent Syrah füllt die Nase mit dem angenehmen Geruch dunkler Beeren, einer Spur Wachholder und Pflaume und leichten Kaffeenoten. Chapoutier zählt zu Anja Schröders Favoriten, weil er seit 25 Jahren auf biodynamisch angebaute und ausgebaute Weine setzt. Mehrfach hat sie den Winzer im Stammhaus im Rhônetal besucht. Mittlerweile produziert Chapoutier auch im Roussillon und im fernen Australien. Neben der Qualität seiner Weine überzeugt die Weinfachfrau das korrekte Preis-Leistungs-Verhältnis.
Anja Schröder, Planet Wein @ FM Rohm

Anja Schröder, Planet Wein @ FM Rohm

Im Mund wirkt der Rote aus der Region Côte du Rhone mit der Wucht von 14 Volumenprozent wie eine Aromenwoge. Die ruft geradezu nach dunklen Lebkuchen oder feiner Zartbitterschokolade. Dominosteine passen erstaunlicherweise nicht dazu, das zuckersüße Marzipan überlagert Tannine und Frucht des Belleruche.
Szenenwechsel. Obwohl die Farbe gleich bleibt, bringt der 2012er Desserwein aus Banyuls sur Mer vom gleichen Winzer, aber aus der etwa 350 Kilometer südwestlich entfernt gelegenen Region Roussillon völlig andere Noten an den Gaumen. Wie beim Portwein wird bei diesem Wein aus Grenache-Trauben die Gärung mit Alkohol gestoppt. Geradezu lasziv süß und schwer dreht sich das Lilarot im Glas, 16 Prozent Alkohol setzen leicht benebelnde, zuckrig-beerige Noten frei. Dazu passen nicht nur Dominosteine, sondern auch Marzipankugeln und Vollmilchherzen. Nur der Spekulatius will zum Banyuls nicht recht passen. Auf jeden Fall ist bei dieser geballten Ladung an Süße und Alkoholgraden Zurückhaltung angesagt. „Man merkt es gleich: nicht mehr als ein Gläschen und ein, zwei Stückchen Gebäck“, rät Anja Schröder.
Ihr Wissen über Weine stammt aus ihrer Anfangszeit in Berlin, als sie Ende der Achtzigerjahre im Brandenburger Hof und dem Sterne-Restaurant Harlekin im Hotel Esplanade arbeitete. Am meisten lernte sie in der wilden Nachwendezeit von ihrem Partner Lars Rutz, der die einzigartige Weinbar Rutz im Bezirk Mitte eröffnete, mit über 1000 Weinen auf der Karte und vorzüglicher, bald Michelin-gekrönter Sterneküche. „Verkosten, verkosten, verkosten, und Winzer besuchen“, nennt sie als Hilfe, die Welt der Weine kennen zu lernen und zu verstehen. Nach dem frühen Tod ihres Partners machte sie sich mit dem Weingeschäft selbstständig. Mehrmals im Jahr reist sie zu Winzern, stets gehört Frankreich zu den Reisezielen. „Mich reizt die unglaubliche Vielfalt an Regionen und Terroirs, verbunden mit einer jahrtausendelangen Weinbautradition“.
Etwa bei dem zu den Spezialitäten Westfrankreichs zählenden Sauternes. Die Region Sauternes im Bordelais wird im Herbst vor der Weinlese durch den Gegensatz von kalten Quellwassern des Flüsschens Ciron und den noch warmen Böden häufig in kühle Nebel getaucht. Deren Feuchtigkeit begünstigt auf den Trauben das Wachstum der berühmten Edelfäule, Botrytis cinera. Dieser Pilz wiederum sorgt für eine Erhöhung des Zuckergehalts bei den klassischen Sauternes-Trauben Sémillon, Sauvigon Blanc und Muscadelle. Auf 8 bis 9 Grad gekühlt, strahlt der 2010er Dessertwein Braconnier mit 13,5 Prozent Alkohol mit spätherbstlichen, sattgelben Tönen im Glas. Im Mund machen sich köstliche Rosinen- und Honigaromen breit, die schön eingebundene Säure verleiht dem Süßwein Struktur und Eleganz. Am angenehmsten passt der in 0,375-Literfläschchen abgefüllte Wein zu Marzipankartoffeln und Butterstollen. „Auch helle Lebkuchen bestehen sehr gut neben dem Braconnier“, ergänzt Anja Schröder.
Dicker, karamelliger mit vollen Honigaromen betört der ebenfalls gekühlte Süßwein Monbazillac des Chateau de Thibaud. „Dieser fruchtige Wein aus der Region Bergerac ist nicht so bekannt wie die Sauternes-Weine und deshalb preislich attraktiv“, erklärt Anja Schröder. Wie der Sauternes begleitet seine milde, fruchtige Süße angenehm Stollen, Weihnachtsgebäck und Vollmilchschokolade. Nur ein Gebäck will auch nicht zum süßen Dessertwein passen: der Spekulatius. Für den fährt Anja Schröder nun schweres Geschütz auf und öffnet einen Cognac der Traditionsbrennerei Frapin. Doch auch dessen 40 Volumenprozent, seine kräftigen Aromen und die sanfte Vollmundigkeit überzeugen sie im Zusammenspiel mit dem würzigen, knusprigen Gebäck nicht „Ich glaube, der Spekulatius mag einfach keinen Wein“, sagt die Weinhändlerin und lacht. „Den muss man in Kaffee oder Tee tunken.“

 Plantet Wein, Mohrenstraße 30, Berlin-Mitte, Tel. 030-20 45 41 18, www.planet-weinhandel.de

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