Glasgow: Zwischen Tradition und Moderne

Die schottische Metropole rüstet sich für die Commonwealth Games und eine entscheidende Abstimmung

Sloans, Glasgows ältester Pub © FM Rohm

Sloans, Glasgows ältester Pub © FM Rohm

Was für ein unmöglicher Kellner, dieser ständig grinsende, vollbärtige Kerl. Fish & Chips  im Traditions-Pub Drum & Monkey an der vornehmen St. Vincent Street im Zentrum der Innenstadt war ein Pflichtpunkt im Besuchsprogramm. Die ehemalige Schalterhalle einer Jahrhundertwende-Bank atmet noch jene großbürgerliche Eleganz, als Glasgow zu den prosperierenden Industriestädten Europas gehörte. Das war Ende des 19. Jahrhunderts, als vierzig Docks und Werften im Monatsrhythmus Schiffe vom Stapel ließen und die weltberühmte Cunard-Schifffahrtsgesellschaft nicht weit von Drum & Monkey entfernt ein vierstöckiges Geschäftshaus in dem stadt-typischen honiggelben Sandstein errichten ließ.

Lebensader River Clyde

Kellner Drum & Monkey, Glasgow © FM Rohm

Kellner Drum & Monkey, Glasgow © FM Rohm

Wann wird endlich der Kellner meine Bestellung aufnehmen?. Sein schottisches Englisch verstehe ich nicht, er grinst freundlich und bringt drei Tische weiter Speisen und Getränke. Da kommt zum Glück Ken Fyfe, mein Stadtführer, und klärt mich auf: im Pub bestellt man Essen und Trinken an der Theke. Verstehen muss man das nicht, aber es klappt. Der Kabeljau kommt in einer goldbrauen Panade, die Erbsen sind knallgrün, die Tartarsoße scheint hausgemacht, die Chips handgeschnitzt und das Lager wird 200 Yards von hier gebraut.

An einigen Nachbartischen geht es in den Gesprächen um die Ende Mai vom Feuer verwüstete  Glasgow School of Arts. Das von Charles Rennie Mackintosh entworfene Gebäude wird auf Jahre hinaus nicht mehr zu besichtigen sein. Es galt als architektonische Perle der Stadt und hatte zahlreiche bekannte Künstler hervorgebracht. Als Brandursache wird der defekte Projektor einer Installation der diesjährigen Abschlussarbeiten vermutet.
Ein anderer Teil der Gespräche im Monkey & Drum dreht sich um das Referendum Mitte September, bei dem über die Unabhängigkeit Schottlands von Großbritannien abgestimmt wird. Die Meinungen sind geteilt. „Derzeit steht es 50 : 50“ sagt Ken Fyfe.
Auf unserer Tour durch die Innenstadt erklärt der 84-Jährige die hügelige Topografie, die an die Straßen von San Francisco erinnert, mit Ablagerungen der letzten Eiszeit. Er berichtet vom Aufstieg Glasgows durch das Tabakhandelsmonopol mit den nordamerikanischen Kolonien im 17. Jahrhundert. 1776 folgte eine Wirtschaftskrise nach der Unabhängigkeitserklärung der USA. Einige Jahrzehnte später prosperierte Glasgow erneut: diesmal als Textilstadt zu Beginn der Industriellen Revolution. „Unsere Aorta ist der River Clyde, der zwanzig Meilen weiter westlich in den Atlantik mündet“, sagt Ken, der bis zu seiner Pensionierung als Schiffbauingenieur gearbeitet hat. Dem Fluss verdankt die Stadt ihren letzten Boom Mitte des 19. bis Mitte des 20. Jahrhunderts. Seither erlebte Glasgow einen schmerzhaften Strukturwandel, von den vierzig Werften und Docks sind gerade einmal zwei übrig geblieben, von ehemals 1,1 Millionen Einwohnern knapp 600 000. Heute verkauft sich die Stadt als Dienstleistungs- und Kulturmetropole. 

Mosaik C. R. Mackintosh, Glasgow © FM Rohm

Mosaik C. R. Mackintosh, Glasgow © FM Rohm

Die Tourismusmanager setzen auf die Zeugnisse der wechselhaften Geschichte: den Prachtbau eines der reichsten Tabakhändler aus dem 18. Jahrhundert, im dem heute die Kunst der Gallery of Modern Art zu sehen ist. Auch das sandsteinerne Zunftgebäude aus dem Jahr 1775 ist noch in Betrieb, der zentrale George-Square wird von einem beeindruckenden Ensemble viktorianischer Architektur umrahmt.
Drei Querstraßen weiter strömen Shopper aus ganz Schottland und Touristen in gigantische Einkaufszentren an der Buchanan-Street. Zum Fluss hin reflektiert die Glasfassade des St Enoch Outlets den wolkigen Himmel. „Das war jetzt das letzte Shopping Center", verspricht Ken und führt zur Teatime in die Sauchiehall-Street mit in die Jahre gekommenen Geschäften und viel Leerstand.
 

Genialer Sohn der Stadt

Den klassischen Nachmittagstee nehmen wir im „The Willow Tea Rooms“. Das Besondere an den über zwei Stockwerke verteilten Räumen ist die Inneneinrichtung von Charles Rennie Mackintosh. Seine Entwürfe von 1904 aus Art-Deco, japanischen Elementen und Phantasieformen sind mittlerweile Design-Ikonen. Bei Scones mit Clotted Cream und Sandwiches sitzt man auf Mackintoshs hochlehnigen Stühlen, felsgrau gestrichen, mit himbeerfarbenen Ornamenten. Nicht wirklich gemütlich, aber Kult.

Von der Sauchiehall-Street führt ein halbstündiger Spaziergang vorbei am Kelvingrove-Park mit dem Kunstmuseum ins Studentenviertel West-End. Mehr als 20 000 Studenten zählt die 1451 gegründete Universität. Neben dem Lesesaal befindet sich das wiedererrichtete Wohnhaus Mackintoshs. In West-End bestimmen dreigeschossige Sandsteinbauten das Straßenbild. Ihre Erdgeschosse beherbergen Bistros, Cafés, kleine Modegeschäfte, Möbelläden und Öko-Supermärkte für das studentische Publikum. 

Ken Fyfe, Glasgow © FM Rohm

Ken Fyfe, Glasgow © FM Rohm

Von hier sind es rund drei Kilometer bis zum Fluss. Am River Clyde, auf dem ehemaligen Geländen der Werften und Schiffsbauer, erheben sich die Gebäude des neuen Glasgow: das Riverside-Museum von Stararchitektin Zaha Hadid, in dem das Transportmuseum untergebracht ist, das Scottish Exhibition and Conference Center (SECC), mit der gürteltierartigen Konzertarena, und einer Sporthalle, in der im Juli ein Teil der Commonwealthspiele stattfindet.
Wie er zu dem Referendum über die Unabhängigkeit Schottlands steht, will ich zum Abschluss von Ken Fyfe wissen. „Wir müssen zusammen bleiben. Die Unabhängigkeit kostet einfach zu viel Geld", entgegnet er. Welche Antwort hätte man auch sonst von einem Schotten erwarten können? 

Die Reise wurde unterstützt von Glasgow City Marketing Bureau.

Anreise:

Aer Lingus, Air-Berlin, Air Malta, British Airways, easyjet, Flybe und Lufthansa fliegen Glasgow an.

Unterbringung:

CitizenM Glasgow, 60 Renfrew St, Glasgow, 0044/2035191111, Do-Zimmer ab 85 £, www.citizenm.com/glasgow

 

Indigo, 75 Waterloo Street, Tel. 0044-0141 226 7700,

Do-Zimmer ab 90 £, www.hotelindigoglasgow.com

Pub:

Drum & Monkey, 93 St. Vincent Street, Traditions-Pup, Tel. 0044/1412216636, www.nicholsonspubs.co.uk

Sloans Bar, 62 Argyle Arcade, 108 Argyle Street, Tel. 0044-0141-221 88 86, preiswertes Pub-Food, jeden Freitag ab 20.30 Uhr Ceilidh Tanz, www.sloansglasgow.com

Teatime:

Cup Tea Lounge, 71 Renfield Street, Cupcakes & Sandwiches, Tel. 0044/1413532959, www.cupglasgow.co.uk

Willow Tea Rooms, 217 Sauchiehall Street, Klassiker, Tel. 0044/1413320521, www.willowtearooms.co.uk

Essen:

Red Onion, 257 West Campell Street, Tel. 0044/1412216000, John Quigley kocht fein und preiswert, www.red-onion.co.uk

Musik

King Tut’s, 272a St Vincent Street, hier startete die Oasis-Karriere, Tel. 0044/141 221 5279. www.kingtuts.co.uk

Kunst

Gallery of Modern Art, Royal Exchange Square, Tel. 0044/1412873050, www.glasgowlife.org.uk/museums/GoMA/Pages/default.aspx

Glasgow School of Art, 167 Renfrew Street, 0044/1413534500, www.gsa.ac.uk

Kelvingrove Art Gallery and Museum, Argyle Street, Tel. 0044/141 276 9599, www.glasgowmuseums.com

Informationen:

www.peoplemakeglasgow.com

Veröffentlicht unter Fernweh Getagged mit: , , , , ,