Valencia: Gotik und Cyberspace

Avantgarde und Tradition in Spaniens aufregendster Metropole

Altstadt von Valencia © FM Rohm

Altstadt von Valencia © FM Rohm

An der Trinidad-Brücke, am ehemaligen Flussbett des Turia stechen die frühgotischen Zinnen des Dreifaltigkeits-Klosters in den transparenten Nachmittags-Himmel. Das Sandsteingebäude aus dem 14. Jahrhundert gehört zu den weniger bekannten Kulturdenkmälern Valencias. In der Sala Parpalló, dem früheren Speisesaal der Nonnen, hängen keine Goyas wie im nahen Museo de Bellas Artes, hier zeigt man Valencias avantgardistische Kunstszene. Tania Blanco ist eine zierliche junge Frau, die fotorealistisch malt, kuriose Installationen herstellt und Cybermusik komponiert. Ausstellungs-Besucher rätseln über die Bedeutung eines aus der blau gestrichenen Wand ragenden Sprungbretts und betrachten Gemälde von menschenleerer, futuristischer Architektur, umhüllt von einem magischen, mediterranen Licht. „Ich liebe die Klarheit der Architektur, und habe gleichzeitig große Sehnsucht nach Natur“, erklärt die 26-jährige Stipendiatin eines der wichtigsten Kunstpreise der Stadt. Die Präsentation ihrer Ausstellung spiegelt das Erfolgskonzept der aufstrebenden Millionenstadt wieder. Man erhalte und konserviere historische Ensemble und kontrastiere sie mit wegweisenden, futuristischen Entwürfen.

Seit Stadtobere und Regionalverwaltung vor rund fünfzehn Jahren entschieden, der Hauptstadt der autonomen Region Valencia eine städtebauliche Frischekur zu verschreiben, hat sich die zweitgrößte Hafenstadt Spaniens vom hässlichen Entlein zur vibrierenden Metropole gewandelt. Glück hatte die seit zwölf Jahren regierende Bürgermeisterin Rita Barberà, dass der gebürtige Valencianer Santiago Calatrava, einer der weltweit erfolgreichsten und visionärsten Architekten, die Federführung bei der Umsetzung des 500-Millionen-Euro-Projektes übernahm.

Calatravas Stadt der Wissenschaften © FM Rohm

Calatravas Stadt der Wissenschaften © FM Rohm

Seine ‚Stadt der Künste und Wissenschaften’ mit Bauten voller Eleganz und Dynamik hat sich schnell zum Publikumsmagnet entwickelt. Über zwanzig Prozent betragen die Zuwachsraten bei den Touristenzahlen. Als im Sommer der America’s Cup, High-Tech-Segelregatta der Superlative, an der von David Chipperfield entworfenen Glas- und Stahl-Konstruktion Veles e Vents im neuen Hafen Station machte, gab es über Wochen kaum ein freies Zimmer. Als nächstes Prestige-Projekt kommt der Formel 1 Rennzirkus in die nach Madrid und Barcelona  drittgrößte Stadt des Landes.

„Valencia ist heute der spannendste Ort Spaniens. Am Anfang waren viele skeptisch, inzwischen herrscht große Begeisterung“, erzählt Tania Blanco und ergänzt, „allerdings sind die durch den Boom verursachten hohen Wohnungspreise ein Problem“. Mit einer Arbeitslosenquote von gerade vier Prozent zieht die Stadt trotzdem mehr und mehr Menschen aus den ländlichen Regionen an. Wir sitzen im Schatten des spätgotischen Serrano-Stadttors an der Plaza Feron. An den Café-Tischen des La Bodegueta drängeln sich zu Latte macchiato, ausgesuchten Teesorten und Smoothies junge Touristen, Studenten und Künstler. Das Viertel Barrio del Carmen hat sich zum Treffpunkt einer jungen, internationalen Boheme gemausert. Galerien, Cafés, Bars und kleine Restaurants bestimmen das Bild der engen, oft streng riechenden Gassen. Ein paar Ecken weiter öffnet sich das Gewirr zur Plaza de la Virgen. Glänzender, brauner Marmorboden, der Turia-Brunnen und die rosafarbene Basilika Virgen de los Desamparados ziehen die Besucher an. Dahinter breitet sich die Kathedrale aus, an der ein Dreiviertel-Jahrtausend gebaut wurde. Bis zur christlichen Rückeroberung im 13. Jahrhundert stand hier die Moschee. Tausende Touristen defilieren täglich am prachtvoll präsentierten Heiligen Gral vorbei, der Schale, die Jesus beim letzten Abendmahl benutzt haben soll. Am Nordende an der Plaza Arzobispo befindet sich das Stadtmuseum, unter einem gläsernen Brunnenboden sieht man Reste römischer Ruinen aus dem zweiten Jahrhundert.

Mercado Central, Valencia © FM Rohm

Mercado Central, Valencia © FM Rohm

Im Umkreis einer Viertelstunde zu Fuß erreicht man von hier die wichtigsten Sehenswürdigen der Stadt: den Mercado Central, Spaniens größte Markthalle. Das in seiner Üppigkeit kaum vorstellbare Angebot an Fisch und Meeresfrüchten ist von Dienstag bis Samstag zu bewundern. Schräg gegenüber befindet sich die von der UNESCO als Welterbe geführte frühgotische Seidenbörse aus dem 13. Jahrhundert. Südlich passiert man den barocken Rathausplatz, die dem römischen Amphitheater von Nimes nachempfundene Stierkampfarena und den Bahnhof im Wiener Zuckerbäckerstil.

Von hier zu Calatravas neuer Stadt „nimmt man am besten ein Fahrrad“, erklärt Tania Blanco. Bis vor kurzem radelte kaum ein Valenciano, durch die Touristen habe man die Vorzüge des Zweirads entdeckt. Verwunderlich, verfügt die Stadt doch mit dem alten Flussbett des Turia über eine autofreie Zone der Extraklasse. Nach verheerenden Überschwemmungen 1957 wurde der Fluss westlich um die Stadt geleitet, das alte Flussbett zum Park umgestaltet. Insgesamt dreizehn Kilometer lang führt das begrünte Flussbett durch die Stadt. Vorbei an exotischen Jacaranda-, Gummi- und Olivenbäumen geht es durch Rabatten von Jasmin und Oleander an prachtvollen Wasserspielen entlang Richtung Hafen. Von weitem schimmert das gigantische weiße Opernhaus Palau des Arts Reina Sofía wie ein gleißender Helm in der Sonne, dahinter liegt der an ein menschliches Auge erinnernde Bau des L’Hemisfèric mit I-Max-Kino, Planetarium und Lasershows. Auf die Tiefgarage hat Architekt Calatrava eine spektakulär überdachte Promenade gesetzt, die im Laufe der Zeit mehr und mehr zuwächst. Umgeben von mediterran blau glitzernden Wasserbecken schließlich folgt das Wissenschaftsmuseum. Vorbei an dem an eine Tiefseemuschel anmutenden Ozeanmuseum des Architekten Félix Candela führt der Weg weiter Richtung Hafen. Neben den Bauten mit den Servicestationen der America’s Cup-Teams liegt der viel besuchte Stadtstrand Las Arenas mit dutzenden von Restaurants an der Wasserlinie. „Strand und Kultur, das ist die Zukunft von Valencia“, sinniert Tania Blanco.

Anreise:

Air Berlin tgl. Köln-Bonn über Mallorca, ab 140 Euro, gleicher Preis ab Düsseldorf und Frankfurt/Main
Iberia mehrmals tgl. Düsseldorf über Madrid, ab 145 Euro, Frankfurt/M ab 149 Euro, www.iberia.de

Hotels & Restaurants im Zentrum:

Ad hoc Monumental, kleines, familienbetriebens Drei Sterne-Hotel, Boix 4, Tel. 963- 919 140, ab 65 Euro Doppel-Zimmer,

Petit Palace Bristol, 3 ,3 Sterne Kolonialstil,  Abadia San Martin 3, Tel.0034-9 63- 945 100, ab 90 Euro Zimmer

Preiswertes und gutes Tapa-Restaurant, La Taberna de la Reina, Plaza Reina 1, Tel. 963- 15 22 14, rund um den Platz und die Plaza de la Virgen viele weitere Lokale, Restaurants und Bars

Neue spanische Gourmetküche, 6-Gang-Menü ohne Weine um 70 Euro: Vertical, Eingang über Hotel Confortel, Edificio Aqua, Tel. 963- 30 38 00, www.restaurantevertical.com

Öffnungszeiten und Eintrittspreise Stadt der Künste und Wissenschaften, in Englisch,  www.cac.es, es gibt Kombi-Karten.

Bilder von Tania Blanco bei Galerie Vicente Chambó, Calle en Borras, Barrio del Carmen, Tel. 963-91 66 78, www.elcaballerodelablancaluna.com

Fahrradverleih: Zentrum: Toyoubike, Marques de Busianos 4, Tel. 96 31 5 55 51, Stunde 2, Tag 10 Euro, Stadt der Wissenschaften: Tel. 963-851 740, tgl. 11-21 Uhr, Stunde 5 , Tag 15 Euro, 

Informationen:

Spanisches Fremdenverkehrsamt Berlin, Lietzenburger Straße, 10707 Berlin, Tel. 882 65 43, www.spain.info

Turismo Valencia, 0034-963-153 931, deutschsprachig, www.turisvalencia.es

 

Tipp: Fahrradtour durch das alte Turia-Flussbett. Wer allein sein will, radelt unter der Woche früh morgens. Wer Spaß an Familienfesten und dramatischen Amateurfußballspielen hat, kommt Samstagnachmittag.

Veröffentlicht unter Fernweh