Kurpfalz-Stuben: Ende nach vierzig Jahren

80 Jahre gibt es die Kurpfalz Weinstuben am Adenauer Platz in Charlottenburg. 40 Jahre betrieb sie Rainer Schulz. Ende Oktober ist Schluss für ihn.

Rainer Schulz, 40 Jahre Kurpfalz-Weinstuben Berlin © FM Rohm

Rainer Schulz, 40 Jahre Kurpfalz-Weinstuben Berlin © FM Rohm

„Na, wie schmeckt Ihnen der Wein?“ Rainer Schulz schaut hinter seiner Hornbrille neugierig sein Gegenüber an. Im Viertelliter-Römerglas schimmert ein hellgelber 2012er Weißburgunder vom Weingut Ökonomierat Friedrich Beck, Deidesheimer Hofstück, Kabinett, trocken. 5,70 Euro kostet in den Kurpfalz Weinstuben der Schoppen. Der passt gut zu original Pfälzer Saumagen mit Kraut oder deftigem Handkäs mit Musik.
Der Wein mit grünlichen Noten ist perfekt auf acht Grad gekühlt, wie alle 35 offenen Positionen Weißwein und Rosé, die Schulz auf seiner handgeschriebenen Karte ankündigt. „Auf die richtige Temperatur kommt es an“, betont der 77-Jährige mit silbernem Haarkranz. Erstaunlich, wie schnell sein Gesichtsausdruck zwischen freundlich, spöttisch und sehr bestimmt wechseln kann. Den norddeutschen Zungenschlag konnten dem gebürtigen Hamburger knapp fünfzig Jahre Berlin nicht abgewöhnen.
Um die Frage nach dem Wein zu beantworten fallen Formulierungen ein wie „fruchtiges Bukett, Duft nach Mirabellen, etwas Birne, wenig Säure“. Zum Glück werden sie nicht geäußert. „Gut“, lautet die richtige Antwort. „Ich hasse dieses Werbegepleiße, mit dem heutzutage Weine beschrieben werden“, sagt Schulz resolut. Mehr als die Angaben auf dem vorderen Flaschenetikett finden sich nicht auf seiner Karte, „das reicht“. Wer bei Schulz wissen will, wie ein Wein schmeckt, der soll ihn probieren. So einfach ist das. Und zwar seit vierzig Jahren.
Kurpfalz Weinstuben Berlin, seit 1935 © FM Rohm

Kurpfalz Weinstuben Berlin, seit 1935 © FM Rohm

1975 übernahm er die Kurpfalz Weinstuben von Aenne Müller. Die alte Dame aus der Pfalz hatte mit ihrem aus Thüringen stammenden Mann Bruno 1935 im hochherrschaftlichen Gründerzeithaus in der Wilmersdorfer Straße, die damals noch direkt in den Kurfürstendamm mündete, die Kurpfalz Weinstuben eröffnet. Bereits nach zwei Jahren zählten die Pfälzer Weinstuben zu den besten Weinlokalen von Groß-Berlin. „Die hatten mehr als 60 Kellner und Köche“, weiß Schulz, der sich intensiv mit der Geschichte seines Lokals beschäftigt hat. Er hat im Keller Flaschen-Verkorkungsmaschinen, eine Flaschenspülanlage und alte Fässer vorgefunden. „Müllers importierten en Gros Pfälzer-, später auch Moselweine, und füllten sie im Keller ab.“

Neustart nach dem II. Weltkrieg
 

1944 zerstörte eine Luftmine das Vorderhaus, Seitenflügel und Hinterhaus. Nur die Parterreräume im Hinterhaus überstanden den Bombentreffer. Vier Jahre nach Kriegsende wurden dort 1949 zwischen Ruinen die Kurpfalz Weinstuben wieder geöffnet. Zu den Gästen zählten alliierte Offiziere und wohlhabende Berliner. 1958 starb Bruno Müller, und der langsame Niedergang der Weinstuben begann.

Rainer Schulz, 40 Jahre Kurpfalz Weinstuben Berlin © FM Rohm

Rainer Schulz, 40 Jahre Kurpfalz Weinstuben Berlin © FM Rohm

Rainer Schulz hatte im vornehmen Hamburger Anglo-German Club erste gastronomische Erfahrungen gesammelt, leitete ihn dann später und bewirtete unter anderen Kanzler Adenauer und seinen Wirtschaftsminister und späteren Nachfolger Ludwig Erhard. Als junger Mann hatte er „eine Schwäche für größere Guthaben auf dem Konto“ und so folgte er 1969 dem Ruf eines Abschreibungsfonds nach West- Berlin. Der besaß nicht nur das Tegel Center sondern an der Linkstraße in unmittelbarer Nähe des Potsdamer Platzes auch ein Studentenheim, „eine Art Bunker“, mit mehr als 300 Zimmern. „Von meinem Büro als Geschäftsführer sah ich auf das Weinhaus Huth, die Reste des Hotels Esplanade und die Einöde des Mauerstreifens“, erinnert sich Schulz. Daneben lernte er das lustige Studentenleben kennen, und stellte fest, welches unternehmerische Potenzial die trinkfesten Kommilitonen darstellten.
Zeitgleich übernahm er die Gastronomie im „Bellevue Tower“ am Potsdamer Platz, suchte aber bald nach einer selbstständigen Beschäftigung. „Ich hatte eine Empfehlung an Frau Müller von einem ehemaligen Gast.“ Und diese Empfehlung eröffnet die Möglichkeit zu zähen Verhandlungen mit der alten Dame betreffs Übernahme der Kurpfalz Weinstuben. 1975 war es schließlich soweit.
In dem Jahr, in dem Schulz die Kurpfalz Weinstuben übernahm, entführten Terroristen Peter Lorenz, den Vorsitzenden der West-Berliner CDU und pressten mit ihm inhaftierte Gesinnungsgenossen frei. Bei der Abgeordnetenhauswahl zwei Monate später verlor die SPD ihre Mehrheit. Klaus Schütz wurde nur mit Hilfe der FDP erneut Regierender Bürgermeister. In Ost-Berlin wurde Heiner Müllers „Die Schlacht. Szenen aus Deutschland“ uraufgeführt, die Periode der Volkskammerwahlen auf fünf Jahre ausgeweitet und ein Spiegel-Korrespondent wegen „Verleumdung der DDR“ ausgewiesen. Er hatte darüber berichtet, dass Kinder von Republikflüchtlingen zwangsadoptiert wurden.

Renaissance der Weinkultur
Schätze aus dem Weinfriedhof, Kurpfalz Weinstuben, Berlin © FM Rohm

Schätze aus dem Weinfriedhof, Kurpfalz Weinstuben, Berlin © FM Rohm

„Mit Politik hatte ich damals nicht viel am Hut“, erklärt Schulz. Er musste sein Geschäft ankurbeln. Als erstes baute er einen weiteren Raum zum Schankraum aus. Dafür verkleidete er die Decke mit dunklen Holzsparren und dekorierte ähnlich rustikal wie die beiden alten Räume mit Weinfasshähnen, einem geschnitzten Wappen der Winzerstadt Kallstadt. An der Theke steht die meisterlich geschnitzte Figur des Heidelberger Hofnarrs und kurfürstlichen Kellermeisters Perkeo. „Mein bester Freund“, sagt Schulz und streicht der Figur liebevoll über den Kopf.
Heute präsentieren sich die Pfälzer Weinstuben dermaßen aus der Zeit gefallen, dass sie schon wieder schick sind. Dunkles Holz dominiert das Ambiente, brusthohe Täfelungen davon umrunden jeden der drei Schankräume, Gnome und Hexen verzieren die Beleuchtungskörper. Zum Glück hat Schulz an der Einrichtung nie etwas geändert. „Es kommen inzwischen viele junge Leute hierher, die eine Menge Ahnung von Wein haben. Das freut mich sehr“, sagt Schulz. Wir trinken inzwischen einen 2013er Grauburgunder vom Deidesheimer Weingut Kimich.
Anfang bis Ende der Achtzigerjahre reisten seine Gäste eher aus den Randlagen West-Berlins an. Auch Prominenz besuchte das Weinrestaurant. Hilde Knef war da, Harald Juhnke trank Bier. Auch der berühmteste Pfälzer, Helmut Kohl aus Oggersheim, kam vorbei. „Er aß immer Leberkäse mit Spiegelei. Dazu trank er Pfälzer Riesling“, erinnert sich Schulz. Auf der Speisekarte finden sich seit eh und je rustikale Gerichte wie Weinsuppe, Flammkuchen, Pfälzer Wurstbrett  oder  Lammauflauf.
Seit acht Jahren steht Schulz sechs Abende die Woche in der Küche. Auch sein Arbeitsablauf hat sich in den vergangenen vier Dekaden nur unwesentlich geändert. An sechs Tagen die Woche kommt er um halb neun ins Lokal, macht Abrechnungen, Bestellungen, kocht für den Abend vor. Nach einer Siesta kehrt er gegen vier Uhr am Nachmittag zurück, öffnet um 18 Uhr für die Gäste und bleibt in der Regel bis Mitternacht. „Am Wochenende kann es auch mal länger werden“ sagt er und lächelt verschmitzt.

Ende mit Fettscheider 
Holzfigur des Wein-Zwerges Perkeo, Kurpfalz Weinstuben, Berlin © FM Rohm

Holzfigur des Wein-Zwerges Perkeo, Kurpfalz Weinstuben, Berlin © FM Rohm

Mitte der Achtzigerjahre waren die Weinstuben wieder in der Spur. Jedes nach Ostern fuhr der Wirt auf Weinreise in die Pfalz, probierte, notierte, bestellte. Wenn er über die Weine von Gütern wie Koehler-Ruprecht aus Kallstadt, Fuhrmann aus Pfäffingen oder Langguth aus Traben-Trabach spricht, fährt er sich mit der Lippe über die Zunge und der Zuhörer bekommt Weindurst. „Die gibt es heute fast alle nicht mehr“, sagt Schulz und seufzt. Eine harte Probe mussten die Weine über sich ergehen lassen, ehe er sie bestellte. „Da ich die meisten offen verkaufe, müssen die schon ein paar Tage nach Flaschenöffnung durchhalten.“, sagt Schulz. Auch die Schankzeit von ein bis zwei Jahren müssen die Weine durchstehen. Wurde der Wein für gut befunden, bestellte Schulz, meist Chargen ab 600 Flaschen.
Damals waren Müller-Thurgau und Morio Muskat beliebt, auch Grauburgunder und bei den Roten Spätburgunder und Dornfelder. „Liebliche Weine, heute sagt man feinherb“ mokiert sich Schulz. Nach den Panschskandalen mit Glykol „begann dann die Trockensucht“, bemerkt er spöttisch. Riesling und Silvaner erlebten eine neue Blüte, wie schon fünfzig Jahre zuvor. „Die Weine konnten gar nicht trocken genug sein. Heute, dreißig Jahre später, sind wir wieder bei den süßeren Weinen angekommen“, stellt Schulz fest, Grau- und Weißburgunder erleben eine Renaissance, sogar Müller-Thurgau kommt wieder ins Glas.
60 000 Flaschen hatte er Ende Achtzigerjahren im Keller, erweiterte das Angebot auf Moselweine und Rebsäfte aus Franken, besuchte den Rheingau und orderte Riesling und Sekt, Rosé aus Baden und Österreich kamen hinzu. Der große Schnitt kam mit dem Mauerfall. „Plötzlich rannten alle nach Mitte. Da habe ich sofort die Bestellung reduziert“, berichtet Schulz. Mit angezogener Handbremse und gleichbleibender Qualität bei den Weinen überstand Schulz auch diese Durststrecke.
Historisches Wappen von Kallstatt, Kurpfalz Weinstuben, Berlin © FM Rohm

Historisches Wappen von Kallstatt, Kurpfalz Weinstuben, Berlin © FM Rohm

Mittlerweile musste er sich bei den Weinproben keine Notizen mehr machen, „der Geschmack des Weines war einfach wieder da, wenn ich den Namen sah.“ Die regelmäßigen Mietvertragsverlängerungen waren immer wieder Anlass, darüber nachzudenken, wie lange er das Geschäft noch führen wollte. Mal um Mal verlängerte Schulz. „Der Gedanke, was ich dann machen soll, ohne feste Arbeit: das war lange richtig gruselig für mich“, sagt er.
Bis vergangenes Jahr die Berliner Wasserwerke auf Grund einer EU-Richtlinie nach dem fehlenden Fettabscheider und der nicht vorhandenen Abluftanlage in der Küche fragten. Nicht viel später kam der „unwiderrufliche Bescheid“, dass er diese Investitionen tätigen müsse, um das Lokal weiterhin zu betreiben. Investitionen im mittleren fünfstelligen Bereich. Und dazu hatte er mit seinen 77 Jahren „dann nu doch keine Lust mehr. Es fügt sich alles“, meint Schulz und so wird er am 31. Oktober, einen Sonnabend, seine Geschäftsführertätigkeit in dieser West-Berliner Wein-Restaurant-Institution beenden.
Davon haben Schnäppchenjäger bereits Wind bekommen. „Es gibt viele hässliche Angebote meine Weinvorräte zu unverschämt niedrigen Preisen zu übernehmen“, sagt Schulz. Die will er aber lieber einem Nachfolger überlassen, dem er auch mit Rat und Tat in den ersten ein bis zwei Jahren beiseite stehen will. Mit zwei ernsthaften Interessenten ist Schulz in Verhandlung. Was er wohl macht, wenn er nicht mehr sechs Tage die Woche in den Kurpfalz Weinstuben steht? Schulz lächelt kurz und fragt „Noch einen Wein?“

Kurpfalz Weinstuben, Wilmersdorfer Straße 93, Wilmersdorf, Tel. 883 66 64, Di-So 18-1 Uhr, www.kurpfalz-weinstuben.de

Veröffentlicht unter Reportagen