
Die Gemeinde Nuthe-Urstromtal ist flächenmäßig die größte in ganz Deutschland. Auf einer Fläche von mehr als einem Drittel Berlins leben knapp 7000 Menschen. Man hat also genug Platz für eine Landpartie voller Natur

Unsere Landpartie nach Nuthe-Urstromtal beginnt in Woltersdorf. Es ist nicht der einzige Ort, der Berlinern bekannt vorkommt, und doch so ganz anders ist als die Orte in und bei Berlin, die man kennt, genauso wie Schönefeld oder Schöneweide. Nach Woltersdorf gelangt man mit der Regionalbahn vom Hauptbahnhof aus. Bis Ende August gelangt man mit dem 9-Euroticket kostengünstig vor Ort, und kann auch das Fahrrad mitnehmen, wenn der Zug nicht, etwa am Wochenende, zu voll ist. Mit dem Auto erreicht man den mit 1000-Einwohnern größten Ort von Nuthe-Urstromtal über Autobahn, Nuthe-Schnellstraße und beschaulicher Landstraße mit wunderbaren Eschen- und Eichenalleen nach etwa einer Stunde von Berlin aus.
Vor rund 30 Jahren, drei Jahre nach der politischen Wende, entstand das Amt Nuthe-Urstromtal aus einem Zusammenschluss von 21 Dörfern und Gemeinden, ein Jahr später kamen noch zwei weitere Orte hinzu. Mehr als 330 Quadratkilometer umfasst das Gebiet, keine Gemeinde in Deutschland ist flächenmäßig größer als die Gemeinde mit dem Doppelnamen.
Geprägt ist die Landschaft von dem breiten Urstromtal, das während der letzten Eiszeiten vor 20 000 bis 10 000 Jahren durch vorrückendes Eis, Gletscher und Tauchwassermassen entstand. Im einige Kilometer breiten Urstromtal zwischen dem südlichen Höhenzug des Hohen Fläming und Berlin fließt heute die Nuthe. Sie entspringt bei Dennewitz im Fläming und mündet rund 65 Kilometer weiter nordwestlich bei Potsdam in die Havel. Das Urstromtal ist geprägt von Fließ- und Wasserläufen durchzogenen feuchten Wiesen, zahlreichen Seen und geschützten Biotopen.
Was hier zählt ist das einzigartige Naturerlebnis, das auf unterschiedliche Weise genutzt werden kann. Zu den Highlights von sportlichen Erholungssuchenden zählen an erster Stelle Flaeming-Skate und FlämingWalk.
Filmkulisse und Ort für Hochzeiten

“In der Gemeinde Nuthe-Urstromtal gibt es allein 43 Touren mit einer Länge von insgesamt rund 450 Kilometern”, berichtet Barbara Rupilius. Die alerte Frau ist seit 2006 “Herrin” von Schloss Stülpe. Einstiege für FlämingWalk und Flaeming-Skate befindet sich nur wenige hundert Meter entfernt von dem barocken Prachtbau in dem 400-Seelen-Ort. Zusammen mit ihrem Mann Wolfgang hatte sie das Schloss samt knapp 15 Hektar Park vom Landkreis gekauft. “Es war in einem passablen Zustand, besonders Keller und Dach”, erklärt der 81-jährige Schlossherr. Kurios: “Wir waren auf das Objekt damals über eine Anzeige in der Berliner Morgenpost gestoßen”, erzählt Rupilius.
Was alles in den vergangenen sechzehn Jahren an Renovierungen und Sanierungen ausgeführt wurde, füllt heute Aktenordner. Ein neu gedecktes Dach mit sogenannten Biberschwanzziegeln gehört dazu, “haben wir von Abbruchhäusern umliegender Dörfer”, erklärt Wolfgang Rupilius. Liebevoll und aufwändig sanierte Wohnungen in Garten- und Gästehaus ebenso, dazu kommen Suiten für Hochzeiten und Feiern, ein großer Saal, dutzende historische Kunstwerke, aber auch moderne Kunst ist in den oberen Etagen des Schlosses zu sehen.
Noch vor dem prächtigen Schlosstor befinden sich historische Stallungen, in denen zwei Trakenerpferde der Familie untergebracht sind. Besonders stolz ist Pferdezüchter Rupilius auf die teilweise gekachelten Pferdeboxen. “Die Kacheln aus Meißen stammen wohl noch aus der Zeit, als um 1750 das alte Adelsgeschlecht von Rochow hier auf den Fundamenten einer Burg das Barockschloss errichten ließ”, so Wolfgang Rupilius. Das Schloss ist auch ein Ziel für Pferdewanderungen.
Nicht nur als Ort für Feiern und Firmen-Incentivs ist Schloss Stülpe gefragt, sondern auch als Drehort für Filme. So wurde unter anderen der Film “Ein russischer Sommer”, über das letzte Lebensjahr des Schriftstellers Tolstoi mit Helen Mirren in der Hauptrolle zum Großteil auf Schloss Stülpe gedreht. Das ZDF produzierte den Film “Ein weites Herz” mit Nadja Uhl und Iris Berben, ebenso diente das Schloss als Kulisse für die us-Serie “Homeland”. Seit vier Jahren findet im Frühjahr die Produktion “Das große Backen” von SAT1 im Schloss statt. Trotz der vielen Arbeit nimmt sich Ehepaar Rupilius auch für vorab telefonisch angekündigte Besucher Zeit für eine ührung.
Direkt vom Schloss führt der Stülper Schlossweg als Teil des FlämingWalks rund sechs Kilometer zum Ort Lynow (siehe Tipps). Nur rund fünf Kilometer sind es hoch auf den Golm, ein bewaldeter Höhenzug, mit rund 170 Meter über Normalnull der höchste Punkt des Niederen Fläming. “Bei klarem Wetter kann man von dort oben bis nach Berlin und Potsdam sehen”, versichert Barabara Rupilius.

Ein Stück weiter die Landstraße L 70 Richtung Luckenwalde treffen Radler und Skater in Jänickendorf auf die Flaeming-Skate. Dieses Anfang der Nullerjahre speziell für Inline-Skater entwickelte, drei Meter breite Asphaltband, hat sich nach mehreren Ausbaustufen inzwischen zur längsten zusammenhängenden Strecke dieser Art in Europa entwickelt. Insgesamt stehen acht Rundkurse und mehr als ein Dutzend kürzere Zubringerkurse auf einer Gesamtlänge von mehr als 230 Kilometer auf besonders laufruhigem Asphalt zur Verfügung. “Neben den Inlinern sind mittlerweile mehr als die Hälfte Radler auf dem Flaeming-Skate unterwegs”, berichtet Wolfgang Rupelius.
Am Ortsausgang von Jänickendorf steht die Museums-Scheune des Heimat-und Geschichtsvereins. Ins Leben gerufen haben dieses Museum zum Anfassen Gisela und Manfred Bölke. In einer alten Speicherscheune sind Hunderte Ausstellungsstücke vom bäuerlichen Leben und Arbeiten der vergangenen Jahrhunderte zu sehen. Mittlerweile kümmert sich die 79-Jährige alleine um den Fortbestand der Museumsscheune. Einer der Höhepunkte ist das gemeinschaftliche Brot- und Kuchenbacken vor Feiertagen. “Extra um unser Brot zu kaufen kommen sogar Leute aus Berlin”, sagt Gisela Bölke.
Gasthof mit Rudi-Dutschke-Zimmer

Hinter Jänickendorf führen die Bundestraße 101 und die Flaeming Skate durch Luckenwalde, das für einen Stopp ebenso empfehlenswert ist wie Jüterbog. Wir fahren weiter Richtung Nordwesten, bis wir kurz vor der Gemeindegrenze den Ort Dobbrikow erreichen. Hier befindet sich nicht nur der Verwaltungssitz des Naturparks Nuthe-Nieplitz, sondern auch eine feldsteinerne Kirche mit Fachwerkturm, die auf das 12. Jahrhundert zurückgeht. Für Weinfreunde interessant ist der Weinberg, auf dem seit mehr als zehn Jahren wieder Reben kultiviert werden. Bei gutem Wetter und für Camper, es gibt auch kleine Tiny-Houses zu mieten, bietet sich ein kürzerer oder längerer Stopp am Glienicksee an. In den führt nicht nur ein langer hölzerner Steg, sondern es gibt auch einen Abschnitt mit feinem Sandstrand.
Von Dobbrikow geht es weiter über Hennickendorf Richtung Osten nach Märtensmühle. Richtung Süden findet sich bei Liebätz der Abschnitt eines FlämigWalk-Rundwegs, der an einem malerischen, Pappel-gesäumten Stück der Nuthe entlangführt.
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Weiter Richtung Süden kommt man im 350-Einwohnerort Schönefeld an eine Draisinenstrecke. Im alten Bahnhofsgebäude wird nicht nur badisch gekocht, es gibt auch einen kleinen Raum mit Literatur und Exponaten zu Rudi-Dutschke. Der an den Folgen eines Attentats verstorbene West-Berliner Studentenführer ist im Ortsteil Schönefeld geboren. Nur wenige Kilometer weiter gelangt man wieder zu Schloss Stülpe.
Anfahrt
Mit dem Regionalexpress RE 3 von Hauptbahnhof nach Woltersdorf, Dauer: 45 Minuten.
Mit dem Auto über die A 115 bis Dreieck Nuthtal, oder A 10 bis Ausfahrt Ludwigsfelde, weiter über die B 101, Ausfahrt Nuthe-Urstromtal Woltersdorf. Ca. 50 Minuten
Übernachten:
Schloss Stülpe
Schönefelder Chaussee 17, 14947 Nuthe-Urstromtal, Tel. 033733-60937, DZ ab 129, ohne Frühstück, schloss-stuelpe.de
Pension Berger, Alte Hauptstraße 34, Jänickendorf, 03371-63 72 19, DZ ab 60 Euro, ohne Frühstück, pensionberger.com
Camp Dobbrikow, Am Glienicksee 2, Dobbrikow, Tel. 033732-403 27, Zelt ab 15, Tiny Houses und Bungalows ab 55 Euro, camp-dobbrikow.de
Essen:
Zum Pirol, Rudi-Dutschke-Platz 1, Schönefeld, gute und preiswerte badische Küche in einem alten Bahnhofsgebäude, Mo.-Di. 11.30-19 Fr-So. 11.30-21 Uhr, Tel. 033733-60 08 99, zum-pirol.de
Märkischer Gasthof „Zur grünen Linde”, Potsdamer Str. 1, Ruhlsdorf, deutsche Küche, Sbd.+So. ab 11.30 Uhr, Tel. 03371 62 10 12, gruenelinde.de
Landgasthaus Holbeck, Eichenallee 9, Holbeck, Tel. 033733-60 00 57, regionale und deutsche Küche, Mi.-So. 11.30-20 Uhr, landgasthausholbeck,.de
Imbiss Gisbert Schulze, Gottow, am See, Tel. 0162-641 96 86, täglich 10-21 Uhr , Gisbert Schulze ist ein Region-bekanntes Original, nicht nur Musiker, sondern auch Imbissbetreiber, der sogar schon Olaf Scholz am Tresen bewirtete
Sehenswürdigkeiten
Oskar Barnack kennen nur eingefleischte Fotografie-Aficionados. Die berühmte Leica hingegen kennen die meisten Menschen. Bei den Leitzwerken wurde der 1879 in Lynow geborene Feinmechaniker und Hobbyfotograf Leiter der Versuchsabteilung und entwickelte das bis heute gültige analoge Format der 35-mm-Kleinbildkamera. 1995 wurde in Lynow ein Museum eröffnet, das sich dem Leben und Wirken von Oskar Barnack widmet.
Oskar-Barnack-Straße 7, Lynow, Tel. 03371 686-0, Besuch nach telefonischer Vereinbarung, nuthe-urstromtal.de
Stülper Dorfkirche
Die barocke Kirche aus dem Jahr 1562 sieht von außen eher unscheinbar aus, im Inneren jedoch sind nach zahlreichen Renovierungen, zuletzt 1983, außergewöhnliche Kunstschätze zu begutachten, wie ein Kanzelaltar und zwei spätgotische Flügelaltäre, die vermutlich aus der mittelalterlichen Wallfahrtskapelle auf dem Höhenzug Golm stammen. Das Gotteshaus verfügt zudem über eine Orgel der berühmten Werkstatt Sauer.
Ließener Straße, Stülpe, Besuch nach telefonischer Vereinbarung,